Getragen von Feuer und Wind
Waren Sie schon mal in einem Ballon unterwegs? Ich zwar nicht, aber ich kann mir gut vorstellen, dass eine solche Erfahrung auf immer unvergesslich bleibt.
Zunächst einmal aber ist ein Ballon ist nichts anderes, als ganz viel Stoff, der auf dem Boden rumliegt und zu nichts anderem, als zum Fliegen zu gebrauchen ist. Auch manche Kirchengemeinden, manche Christen liegen bzw. stehen oft leer und schlaff am Boden. Eine leere Kirche – wofür ist sie zu gebrauchen? Eine schlaffe Gemeinde – welche Sehnsucht kann sie bei Menschen wecken? Müde Christen – was strahlen sie aus?
Zum Fliegen kommt ein Ballon erst, wenn er mit Feuer und heißer Luft gefüllt wird. Zudem braucht es die Bereitschaft, sich dem Wind anzuvertrauen. Feuer und Wind stehen in der Bibel für den Geist Gottes. Wer sich wie die Jünger/innen damals von diesem Feuer erfüllen lässt und sich dem Wind Gottes anvertraut, den wird Feuer und Wind abheben lassen, ihn in Bewegung bringen und über Berge und Täler tragen.
Bis ein Ballon gefüllt ist und abhebt, dauert es. Eine Zeit, in der man letzte Vorbereitungen treffen kann: z.B. warme Kleidung und etwas Proviant. Auch im Leben einer Gemeinde und Kirche braucht es oft Geduld, Geduld miteinander, Geduld, bis etwas in Bewegung kommt, Geduld mit dem Bodenpersonal und denen, die in Ordinariat und Vatikan dafür sorgen, dass wir ja nicht zu schnell abheben.
Aber dann werden die Leinen gekappt und der Ballon erhebt sich in die Lüfte. Zwischendurch braucht es immer wieder Feuerstöße, damit man nicht irgendwann in Baumwipfeln hängenbleibt. Und manchmal muss man auch Ballast abwerfen. Uns Christen will die Kraft des Geistes Gottes so sehr erfüllen, dass sie uns abheben lässt. Sind wir bereit, die Sicherheit des Gewohnten loszulassen, um ganz neue Perspektiven zu gewinnen? Sind wir bereit, manches loslassen und Ballast abzuwerfen: Gewohnheiten und Traditionen, aber auch Gebäude und vertraute Strukturen.
Wer sich aber auf ein solches Abenteuer einlässt, der sieht selbst Altbekanntes plötzlich aus einer ganz anderen Perspektive. Sein Horizont weitet sich. Er sieht Neues und manches Fremde und Ferne. Wer sich von Gottes Geist tragen lässt, für den sieht die Welt neu und anders aus. Was am Boden als unüberwindbares Hindernis erscheint, wird zu einem Maulwurfshügel. Dies schenkt Freiheit: Die Freiheit der Kinder Gottes.
Im Unterschied zu einer Reise mit einem Flugzeug bleibt man im Ballon immer Spielball des Windes. Wir wissen nie, wohin die Fahrt genau geht. Zwar kann man die Flughöhe steuern, aber das Ziel weiß allein der Wind. Zu allen Zeiten hat Gottes Geist Menschen zu ungeahnten Ufern aufbrechen lassen. In der Bibel z.B. Abraham, Mose und Jesus, heute Menschen wie Papst Johannes XXIII, Dietrich Bonhoeffer oder Rigoberta Menchù. Oft standen sie quer zum Mainstream der Gesellschaft und zur Leitung der Kirchen. Erst später wurde ihr Werk verstanden als das Wirken des Geistes Gottes. Wie gehen wir mit Menschen in unseren Gemeinden um, die auch mal quer denken und uns anfragen? Sind wir bereit, uns vom Geist Gottes bewegen zu lassen, ohne Wissen, wohin es genau geht, aber im Vertrauen, dass wir zu einem guten Ziel gelangen?
Am Ende ihrer ersten Fahrt erhalten die Passagiere eine sogenannte Ballontaufe. Sie werden offiziell in die Gemeinschaft der Ballonfahrer aufgenommen. Wir Christen sind mit Wasser und Heiligem Geist getauft. Gott ruft uns mit Namen. Wir sind keine Nummer, sondern einmalig als seine Kinder. In seine Hand sind wir eingeschrieben. Wir sind getragen und behütet. Wovor sollten wir uns fürchten?
Viel zu wenig vertrauen wir Christen dem Geist, der damals in Jerusalem, aber ebenso auch heute Menschen bewegt und ihnen neue Perspektiven und Horizonte eröffnet. Unsere Kirche ist heute deshalb so wenig faszinierend, weil es darin viel zu wenige gibt, die sich von Feuer und Wind erfüllen und tragen lassen. Wie bei einer Ballonfahrt sich Abgründe, Flüsse und Seen mühelos überwinden lassen, so vermag Glaube, Hoffnung und Liebe Hindernisse und Berge zu versetzen. Es kommt nur darauf an, ob wir uns diesem Wind und Feuer Gottes anvertrauen. Lassen wir uns darauf ein?
Reinhold Walter