Sehnsucht nach mehr
Das Erkennen von Ostern
(zu Joh 20,1-18)
Ein kurzer Blick auf das Smartphone, eine Schlagzeile im Vorbeigehen oder ein flüchtiges Gespräch zwischen Tür und Angel – unser Alltag ist oft so schnelllebig, dass wir meinen, schon genau zu wissen, was Sache ist, bevor wir die Hintergründe überhaupt durchdrungen haben. Wir konsumieren Informationen in Sekundenschnelle, doch wir lassen sie selten wirklich sacken. Inmitten dieser Oberflächlichkeit tauchen sie jedoch immer wieder auf: die großen, existenziellen Fragen, die uns nicht nur als theoretische Gedankenspiele begegnen, sondern ganz real unseren Lebensweg betreffen. Eine der brennendsten Fragen, die gerade auch junge Menschen und Firmlinge heute umtreibt, lautet: Wie glaube ich eigentlich richtig?
Mit dieser Suche stehen wir nicht allein da. Schon vor zweitausend Jahren rangen Menschen um die Antwort auf die Frage, wie man Gott und der Welt begegnet. In der Ostergeschichte werden uns dazu zwei Wege aufgezeigt. Da ist zuerst der Weg des sogenannten Lieblingsjüngers. Er kommt zum Grab Jesu, sieht die Leere und glaubt sofort. Das klingt nach einem Idealbild, doch bei genauem Hinsehen bleibt dieser Glaube unvollständig. Es ist ein Glaube ohne tieferes Verständnis. Er sieht ein äußeres Faktum und zieht einen schnellen Schluss daraus.
Übertragen auf unsere Zeit ist das der Weg derer, die zwar eine grobe Idee davon haben, was im Leben wichtig sein könnte, und die sich vielleicht sogar auf die Suche begeben. Sie erleben etwas Besonderes, das ihre Idee bestätigt, und sagen: „Ja, das muss es sein.“ Doch dieser Glaube bleibt an der Oberfläche. Er beruht auf keinem tieferen Verständnis der zugrunde liegenden Wirklichkeit und bleibt doch im inneren leer.
Ganz anders verläuft der Weg der Maria von Magdala. Sie begibt sich auch auf die Suche. Sie wird mit dem Unfassbaren konfrontiert, doch statt sofort zu glauben, ist sie verwirrt. Sie braucht Zeit. Erst in einer persönlichen Begegnung, in der sie direkt bei ihrem Namen angesprochen wird, bricht das Erkennen durch. In diesem Moment geschieht eine tiefgreifende Veränderung in ihr. Doch dann folgt ein paradoxer Moment: Es wird ihr verboten, das Erlebte festzuhalten. Maria soll nicht an ihrem Sehnsuchtsort verweilen, sondern sie erhält den Auftrag, den anderen davon zu erzählen.
Marias Weg zum Glauben bedeutet für uns heute, sich intensiv mit der eigenen Sehnsucht zu beschäftigen und zu erkennen, dass wir deren Quelle nicht einfach wie einen Besitz festhalten können. „Richtig glauben“ heißt nach ihrem Vorbild, sich vom Erkannten ansprechen und verwandeln zu lassen. Der entscheidende Unterschied zwischen den beiden Wegen liegt darin, dass beim ersten Weg das echte Verstehen fehlt. Der Lieblingsjünger sieht zwar etwas, aber er begreift es nicht in seiner Tiefe. Maria hingegen lässt sich auf eine Beziehung ein. Dieses Angesprochensein führt sie zu einem tieferen Verständnis, das es ihr ermöglicht, ihren Glauben mit in den Alltag zu nehmen und ihn dort durch ihr Handeln zu bezeugen.
Manchmal lohnt es sich, nach dem ersten Erkennen einen Moment innezuhalten, auch wenn man meint, schon alles verstanden zu haben. Erst in der Stille und im zweiten Blick erwächst oft die Kraft, die aus einer vagen Ahnung eine tragfähige Gewissheit macht.